GD's KOLUMNE

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Unter dem Autorenkürzel GD erschienen bisher über 3000 Alltags-Glossen in überregionalen und lokalen Tageszeitungen und Wochenblättern sowie in den (inzwischen vergriffenen) Büchern "Ist der Alltag wirklich grau?", "Tropfen gegen den Infarkt", "Emil, auch nur ein Mensch" und "Beine hoch!". Die obige Karrikatur wurde zum Markenzeichen – Entertainer Otto Waalkes hat sie einst während eines Praktikums in meinem Betrieb skizziert.

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Frau mit Handy

Nein, ich meine nicht die jungen Damen, die plaudernd an uns vorbeihasten, den angewinkelten Arm handyhaltend am Ohr. Auch nicht jene, die im Bus mit verklärtem Lächeln auf ihr Handydisplay schauen und dann mit flinkem Daumen eine Antwort simsen. Die haben hundert Telefonnummern gespeichert, klicken sich blind zum Terminplan durch und kontrollieren die Frisur mit digitalem Handyfoto. Aber wieviele Mütter haben wohl statt Blumen ein Handy zum Muttertag bekommen – in der stillen Hoffnung, dass Mutter nun immer erreichbar ist.

Das klappt nicht, liebe Kinder. Mütter schalten das Handy aus. Sie benutzen es vielleicht einmal zum Telefonieren, nicht aber um angerufen zu werden. Ich beklage das seit Jahren bei Christel – und ich erfahre, dass es anderswo ebenso ist. Manchmal ruft sie mich an, wenn ich unterwegs bin. Nicht immer drücke ich gleich die Ruftaste – und weg ist sie wieder. Der Rückruf meldet: Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar. Handy ausgeschaltet. "Mich ruft doch sowieso keiner an", sagt sie, und was die Mailbox ist: "Wenn jemand was von mir will, dann soll er es direkt sagen." Wenn er könnte, liebe Christel! Der aber – ich – steht da mit dem Rätsel: Was könnte sie gewollt haben? Ist es wichtig? Braucht sie mich? Wirft sie mir vielleicht sogar vor, dass ich nicht gleich rangegangen bin? "Wo warst du, als ich dich brauchte?"

"Ich bin um kurz vor acht wieder da", sagte sie gestern. Und schließlich war es kurz vor neun, und sie war immer noch nicht da. Nicht, dass ich mir Sorgen um sie machte – aber sie war mit meinem Auto unterwegs. Fünf Minuten gab ich ihr noch, dann griff ich zum Handy. Schon während die Nummer wählte, ärgerte ich mich darüber, dass der Teilnehmer zur Zeit nicht erreichbar sein wird... Die Ansage blieb aus, Christel war dran. "Wieso hast du dein Handy nicht aus?" fragte ich. "Damit du mich erreichen kannst", sagte sie. "Aber normaler Weise hast du es aus, und jetzt versaust du mir auch noch den Ärger darüber", maulte ich. "Ich bin gleich da", rief sie. "Wie telefonierst du im Auto, dein Handy passt doch gar nicht in die Freisprecheinrichtung", tadelte ich. "Okay, machen wir Schluss", sagte sie und klick.

Dabei wollte ich sie bitten, noch ein Sixpack von der Tankstelle mitzubringen. Ich drückte die Wahlwiederholung – "...ist zur Zeit nicht erreichbar..." Das ideale am Handy habe ich aus der Werbung gelernt: "Sie sind überall und jederzeit erreichbar!" Christel nicht – und ich tröste mich damit, dass sie nicht dauernd mit dem Handy am Ohr rumrennt, Daumenbriefe schreibt, Fotos verschickt und bei meinem Blick auf die Rechnung nachfragt: "Wolltest du nun eine moderne Frau mit Handy oder nicht?"

 


…und noch 'ne Kolumne:

 

Standardfamilie

Was braucht Deutschland, um nicht auszusterben? Es ist schon gesagt – auch schon von jedem. Aber keiner tut's. Es genügt nicht, dass Frühling ist, es muss auch ein bisschen PR darum gemacht werden. Es muss Sinn machen. Nicht einfach so, weil nichts im Fernsehen läuft. Hier, jetzt, heute! Aber warum? Was hab ich denn davon? Ja, so wird gefragt, Patriotismus ist nicht mehr. Und Kinder als Rentensicherung glaubt dir keiner, der schon auf dem Geburtsschein einen Hartz-IV-Stempel kriegt.

Nachdenklich bin ich erst geworden, als ich mir den Tagesfahrschein vom SüdwestBus anschaute. Pauschaltarif für den Tag – kannst Bus fahren, soviel du willst. Und kostet weniger als die Hälfte von hin und zurück für einen, und deine Frau kannst du auch noch mitnehmen, so als Gönner-Bonus. Nochmal geguckt – es kommt noch besser: "Gültig am Ausgabetag für zwei Erwachsene, drei zahlungsflichtige Kinder und einen Hund."

Da freut man sich als familiäre Zweierbeziehung schon gar nicht mehr über den billigen Ausflug. Da zählt doch viel heftiger, was man ausgelassen hat! Drei Kinder und einen Hund hätten wir noch von Wildbad nach Freudenstadt und zurück nehmen können – alles auf dem selben Ticket! Ja, da wär' doch blöd, wer das nicht ausnutzt. Mehr kann man doch gar nicht sparen, wo der Benzinpreis schon wieder hoch geht.

Da hat sich tatsächlich ein besorgter Nahverkehrsexperte fruchtbare Gedanken um die deutsche Tagesticket-Standardfamilie gemacht. Und ist es nicht rührend, dass auch der Hund zur Familie gehört? Nein, das ist der eigentliche symbolische Kern der Misere – und sie sitzt real vor uns: Zwei Erwachsene, ein Hund, keine Kinder.

Die deutsche Familie ist auf den Hund gekommen!